freude-am-text | Gerechtigkeit statt Gendersternchen
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Gerechtigkeit statt Gendersternchen

Als Autorin und Texterin habe ich mich dazu entschieden, keine „Gendersterne“ zu verwenden und so genannte „gendergerechte“ Formulierungen zu vermeiden, wenn ich sie für sprachlich missglückt oder unangebracht halte.
Denn: Um verständlich zu sein, muss Sprache sich flüssig laut lesen lassen. Und sie muss ohne Anführungszeichen-Geste mit den Fingern oder bedeutungsschwangere Sprechpausen für Sterne auskommen. Texte, die den „Vorlesetest“ nicht bestehen, sind keine guten Texte.
Eines möchte ich aber unmissverständlich klarstellen: Ich distanziere mich ausdrücklich von AfD-Anhängern und rechtspopulistischen Gruppierungen, die den vermeintlichen „Gender-Wahn“ als Angriff auf das „christliche Familienbild“ darstellen und damit Hetze verbreiten. Gender-Studien sind als wissenschaftliches Forschungsfeld unverzichtbar, ebenso das Recht aller Menschen, ihre Identität und Lebensform selbst zu bestimmen.

Die reale Welt bestimmt die Sprache, nicht umgekehrt

Die Einführung von „Gendersprache“ in Behörden und Institutionen halte ich jedoch für einen falschen, nicht zielführenden Weg. Zudem ist der Kampf darum fatal, weil die Konzeption und Durchsetzung Energien verschleißt, die sinnvoller in tatsächliche Reformen investiert werden sollte. Darüber hinaus ist die „gendergerechte“ Sprache auch unter ästhetischen Gesichtspunkten höchst fragwürdig. Sie befördert einen papierenen, hässlichen Bürokratie-Stil, der keine Zwischentöne, keine Ironie und erst recht keinen entspannten Umgang miteinander zulässt.

Sprache ist ein lebendiges Gebilde, das sich stetig verändert und auch ändern muss.
Wenn Dinge, Personen oder Tätigkeiten aus unserem Umfeld verschwinden, verschwinden auch die Begriffe oder sie ändern sich. Welche Person unter 30 weiß heute noch, wozu eine Wählscheibe, eine Lochkarte oder Durchschlagpapier gut sind? Was ist ein Geheimrat, und wer beschäftigt sich mit Treideln?
Seit Lehrerinnen heiraten dürfen – in einigen Bundesländern galt bis 1956 eine Zölibatsklausel für Frauen -, ist in der Amts- und auch in der Umgangssprache das „Fräulein Lehrerin“ langsam ausgestorben. Das „Züchtigungsrecht“ der Eltern gegenüber ihren Kindern wurde vor 20 Jahren ersatzlos abgeschafft; seitdem ist ein Gesetz zur „Ächtung von Gewalt in der Erziehung“ im BGB verankert.

Fatal ist es allerdings, zu glauben, dass dieser Prozess genauso gut umgekehrt funktioniert. Mit der Abschaffung von Begriffen, mit neuen Benennungen ändern sich die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht; abgemilderte Worte oder „sprachliche Sichtbarkeit“ ziehen keine besseren Wirklichkeiten nach sich.

Indoktrination durch staatlich „verordnete Sprache“

Gerade Intellektuelle, wie der Dichter Heiner Kunze, die über Jahrzehnte der DDR-Indoktrination ausgesetzt waren, fühlen sich durch die aktuellen Sprachregelungen an staatlich verordnete Eingriffe in die offizielle Sprache erinnert. Und dieses Unbehagen ist nachvollziehbar: In der DDR gab es zahlreiche Bestrebungen, eine von der BRD abweichende Sprache zu kreieren und 1970 im „Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ lexikalisch zu verankern. Hierzu gehörten die typischen DDR-Begriffe wie „volkseigen“, „Held der Arbeit“, aber auch Euphemismen wie die Bezeichnung „antifaschistischer Schutzwall“ für die Berliner Mauer. Diese von Partei und Medien propagierte Sprache wurde von den Vertretern der Staatsmacht eingeführt und in allen Bereichen des öffentlichen Lebens kontrolliert. In der Alltagssprache der Menschen in der DDR bildete sich neben diesen staatlich verordneten Wortschöpfungen ein kritisch witziger Alltagswortschatz, an dem sich die Kluft zwischen gesellschaftlicher Realität und offizieller Sprachregelung spiegelte, aber das ist eine andere Geschichte.

Wofür es sich zu kämpfen lohnt

Sprache lässt sich nicht „verordnen“, und die Einführung neuer Bezeichnungen bringt keine bessere gesellschaftliche Realität hervor. Der Begriff „Topmanager*innen“ wird nicht zu einem höheren Frauenanteil in den Chefetagen beitragen. Hierzu braucht es bessere Konzepte, damit Frauen und Männer Karriere, Familie und ihre persönliche Lebensplanung vereinbaren können. Was nützt „Ingenieur*innen“ oder „Projektmanager*innen“ ihre sprachliche Sichtbarkeit, wenn ihnen keine anspruchsvollen Aufgaben mehr zugeteilt werden, sobald sie „nur noch“ in Teilzeit arbeiten können oder möchten?
Die Kämpfe für eine bessere, gerechtere Gesellschaft, für eine faire Bezahlung und Work-Life-Balance aller Menschen, müssen in der Wirklichkeit ausgetragen werden, nicht in „Leitfäden für Sprache“. Es sind echte Reformen nötig, keine aufgesetzten Formulierungsregeln, die zu Unzufriedenheit und Entsolidarisierung führen.