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Maggi-Flaschen, fotografiert 2015 von Alf van Beem

Vom „Lohndichter“ zum „Texter“

Den Beruf „Texter“ nannte man vor 140 Jahren noch „Lohndichter“. So mancher (brotlose) Schriftsteller verdiente sich seine ersten Sporen als Lohndichter, so zum Beispiel Frank Wedekind, der für die Firma Maggi Suppenwürfel betextete und die Flüssigwürze aus der braunen Flasche durch eingängige Reime bekannt machte.
Dabei war Benjamin Franklin Wedekind, der 1864 in Hannover das Licht der Welt erblickte, zunächst alles andere als ein armer Schlucker. Mit dem Segen seines Vaters – er war ein wohlhabender Frauenarzt – ging der 18-jährige nach München, um dort Jura zu studieren. Tatsächlich wollte er lieber Dichter als Anwalt werden, und es dauerte nicht lange, bis auch Wedekind Senior dahinter kam, dass sein sein zweitältester Spross seine Studiengelder im Theater und in Kneipen durchbrachte. Es kam zum Krach, zu einer Ohrfeige gegen den Vater, und hernach waren das Elternhaus verschlossen und die Apanage gestrichen.
Wedekinds Rettung nahte durch einen Dichterfreund, den Lyriker Karl Henckell. Dessen Bruder Gustav besaß eine Konservenfabrik, in der Erbsen im Glas hergestellt wurden. Gustav Henkell machte Wedekind mit dem Unternehmer Julius Maggi bekannt, der nach einem kreativen Kopf für sein „Reclame- und Pressebüro“ suchte. Frank Wedekind bekam den Job, musste aber bald feststellen, dass die neue Aufgabe nicht so einfach war, wie er sie sich vorgestellt hatte. Mit Poesie alleine konnte er nicht punkten, denn Julius Maggi bezahlte Texte nur dann, wenn er sie auch für verkaufsfördernd hielt. Wedekind musste sich deshalb Gedanken über die Gemüter und Bedürfnisse seines Publikums machen. Ganz profane Bedürfnisse ging es doch um Begierden, die Wedekind am eigenen Leib spürte. „Ich schreibe von früh bis spät in meiner Mansarde Leitartikel über frische Rebhühner, um mir abends meinen Thee mit einer Wurst verherrlichen zu können“, stöhnte der frisch gebackene Reclame-Dichter, wobei er unter Zeitdruck eingängige Reime in Serie verzapfte: „Das wissen selbst die Kinderlein: Mit Würze wird die Suppe fein. Darum holt das Gretchen munter, die Maggi-Flasche runter.“
Von November 1886 bis Juli 1887 schrieb Wedekind für Julius Maggi rund 160 Werbetexte, die nicht nur sein Einkommen sicherten, sondern den Produkten aus dem Hause Maggi zum Durchbruch verhalfen. Wenig später avancierte Benjamin Franklin, der seinen Vornamen in Frank änderte, zum anerkannten Schriftsteller. Die Tätigkeit als „Lohndichter“ geriet angesichts der literarischen Erfolge in Vergessenheit, seine Werbegedichte blieben jedoch – wie Maggi-Brühwürfel und braune Würze aus der Flasche – in aller Munde:
„Was dem Einen fehlt, das findet
in dem andern sich bereit;
Wo sich Mann und Weib verbindet
keimen Glück und Seligkeit.
Alles Wohl beruht auf Paarung
Wie dem Leben Poesie
Fehle Maggi‘s Suppen-Nahrung
Maggi‘s Speise-Würze nie!“